Bericht vom OFRA-Internet-Kurs für Frauen

© Dr. Silvia Rothen, Rothen Ecotronics, Bern
3. Oktober 1996

Zweihundertfünfzig Anmeldungen innerhalb weniger Wochen haben das alte Cliché, dass Frauen sich nicht für Computer interessieren, gründlich widerlegt. Als mich die Frauen von der OFRA Bern anfangs September anfragten, ob ich bereit sei, einen Internet-Kurs für Frauen zu leiten, haben wir alle nicht mit einem solchen Erfolg gerechnet. Wir hatten sogar Angst, dass wir die ersten drei Kurse mit 24 Plätzen nicht füllen könnten. Allerdings hatte die städtische Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann uns mit einer Defizitgarantie Mut gemacht, in das Risiko einzusteigen. Doch es zeigte sich, dass unsere Ängste unbegründet waren, weil ein günstiger Preis, ein Kursprogramm, das sowohl theoretische wie praktische Aspekte vermittelte, und eine breit gestreute Ausschreibung unerwartet starken Zuspruch auslösten.

Ein Grosserfolg

Schon wenige Tage nach der Ausschreibung hatten wir nämlich das gegenteilige Problem: Wo finden wir ein günstiges Kurslokal für hundert bis zweihundert Frauen. Für die ersten Kurse, die zu Beginn des Semesters stattfanden, hatten wir an der Uni beim Institut für Informatik und angewandte Mathematik zu einem äusserst fairen Preis Gastrecht gefunden. Doch während des Semesters steht dieser Unix-Pool vor allem für Studentinnen und Studenten zur Verfügung, weshalb es relativ aussichtslos zu sein schien, diesen Raum mit acht Plätzen auch während des Semesters so häufig zu beanspruchen, dass wir unseren Anmeldungsberg in nützlicher Frist abgearbeitet hätten. Damit begann unsere Fahndung nach unausgelasteten PC-Pools mit Internet-Anschluss. Da wir den Ehrgeiz hatten, den Preis weiterhin tief zu halten, sah dies relativ aussichtslos aus. Kommerzielle Computerschulen hatten verständlicherweise absolut kein Interesse, ihre Maschinen der Konkurrenz zu einem Spezialtarif zu vermieten. Doch schliesslich wurden wir bei der Ingenieurschule fündig, so dass wir für die vorhandenen Anmeldungen tatsächlich genug Plätze zur Verfügung stellen können.

Kursinhalt

Der Inhalt des OFRA-Internet-Kurses setzt sich aus vier Teilen zusammen: Im ersten, theoretischen Teil erzähle ich, was das Internet ist und wie es entstanden ist, um anschliessend darauf einzugehen, was man als Frau davon erwarten kann und mit was man rechnen muss. Im zweiten Teil geht es vor allem um die Praxis, also darum, wie man den Browser (Software für die Nutzung des World Wide Web) handhabt. Die ersten Schritte machen alle Teilnehmerinnen gemeinsam: Wir rufen Web-Seiten auf, verschicken reihum ein E-Mail, und benutzen eine Suchmaschine, um nach bestimmten Stichworten zu fahnden. Auch ein paar Hinweise zum Thema Sicherheit und Datenschutz gehören in diesen praktischen Teil. Mit diesen Grundfertigkeiten ausgestattet geht es dann im dritten Teil ans individuelle freie Surfen. Der letzte Teil des vierstündigen Kurses schliesslich ist für Fragen und Meinungsaustausch reserviert: Wie haben wir unsere erste Surferfahrung erlebt? Finden wir als Frauen Inhalte, die uns interessieren? Ist das Internet eher ein Spielzeug vorwiegend männlicher Computerfreaks oder können wir es auch für unsere Zwecke nutzen? So verschieden wie die Motivationen für den Kursbesuch sind, so verschieden fallen die Antworten aus. In den ersten Kursen zeigte es sich allerdings schnell, dass Frauen nicht nur feministische Information vom Internet wollen. Gerade auch praktische Seiten, z.B. aktuelle Fahr- und Flugpläne, elektronisches Telefonbuch oder Währungsumrechnung können Frauen am ehesten vom Nutzen des Internet überzeugen, weil diese Informationen auf anderem Weg häufig schwieriger zu beschaffen sind.

Warum ein Internet-Kurs für Frauen?

Die Motivation, diesen Kurs zu organisieren, lag vor allem darin zu verhindern, dass Frauen wieder einmal bei einer wichtigen technischen Entwicklung den Anschluss verpassen und dies später mit beruflichen und finanziellen Konsequenzen bezahlen müssen. Gleichzeitig sollten die Frauen aber auch eigene Erfahrungen sammeln, die es ihnen ermöglichen, die Internet-Euphorie zu hinterfragen und selbst zu entscheiden, was am Internet nützlich und was Zeitverschwendung ist. Auch die Gleichstellungsstelle des Kantons Zürich hat bei Frauen einen Nachholbedarf ausgemacht und deshalb eine CD-ROM zum Thema Frauen und Internet initiiert, um Schwellenängste abzubauen. Wie unser Kurs wurde diese Silberscheibe zum Publikumserfolg, und dies nicht nur bei Frauen.

Wenn man sich im World Wide Web durch die Frauenseiten klickt, fällt auf, dass es tatsächlich einen Nachholbedarf gibt, und zwar vor allem für Schweizer Frauen. Während die Amerikanerinnen mit unzähligen Themen und Seiten im Netz vertreten sind, und auch in unseren Nachbarländern zahlreiche Frauen den Schritt ins Netz der Netze gemacht haben, bringt das Stichwort Frau bei Schweizer Suchmaschinen nur kümmerliche Ergebnisse. Wenn nicht der Brückenbauer Artikel zu "Frauen und Reisen" und "Frauen und Internet" plaziert hätte, dann fände frau gar nichts mehr.

Was hält die Frauen ab?

Was hält Frauen denn ab? Die gängigen Antworten sind: Das Internet ist zu technisch, es gibt zu wenig interessante Inhalte für Frauen, Pornographie und Sexismus im Netz stossen Frauen ab. Keines dieser Argumente scheint mir die Absenz der Schweizer Frauen hinlänglich zu erklären.

Dass das Internet eher Technofreaks anspricht, die bei den Begriffen Gigabytes und Teraflops ein wohliges Schaudern durchrieselt, gilt sicher immer noch, doch das Surfen auf dem World Wide Web ist vergleichsweise unkompliziert. Einen Browser zu bedienen, ist wesentlich einfacher, als eine moderne Textverarbeitung auszureizen, was von jeder Sekretärin erwartet wird. Die Grundfertigkeiten, um zu surfen und eigene Seiten zu erstellen, sind so bescheiden, dass das World Wide Web durchaus ein Volkssport werden könnte. Deshalb stimmt auch das zweite Argument "Es gibt keine Inhalte für Frauen" schon längst nicht mehr. Es gibt Hunderte von Seiten zu Frauenthemen und es gibt Tausende von Seiten mit nichtgeschlechtsspezifischen Themen, denen auch Frauen etwas abgewinnen können, Umwelt- oder Gesundheitsseiten, Antirassismus-Kampagnen, Stellenangebote oder Börsenkurse etwa. Bleibt noch das letzte Argument, Pornographie und Sexismus. Es ist unbestreitbar, dass auf dem Netz pornographisches Material existiert, und es ist ebenso unbestreitbar, dass es gerade in unmoderierten Newsgroups Probleme mit Anmache gibt. Doch meiner Meinung nach wird das Thema in den Medien krass übertrieben. Beim Internet-Surfen begegne ich sexistischen Bildern nicht häufiger als wenn ich an einer Plakatwand oder an einem Kiosk vorbeilaufe. Die wirklich harten Sachen sind nämlich im Internet (wie im REAL LIFE auch) gut versteckt.

Ich denke, der wichtigste Grund, weshalb Frauen im Internet weniger als Männer präsent sind, ist nicht die Technik, nicht der Inhalt und nicht das mangelnde Interesse der Frauen, sondern schlicht und einfach der Zeitbedarf. Websurfen ist zeitintensiv, vor allem auch am Anfang, und wer zwei- oder dreifachbelastet ist, dem fehlt die Zeit und die Geduld, im Datenstau tatenlos auf die Übermittlung von (häufig nutzlosen) Webseiten zu warten.

Tip

Sehr empfehlen kann ich die CD-ROM "PatchWork - Frauen im Internet" (ISBN 3-12-135036-6), und zwar nicht nur Frauen. Sie ist für Anfängerinnen gedacht, ermöglicht Internet-Trockenübungen, ist darüberhinaus aber auch ein gutes Nachschlagwerk für alte Häsinnen. Erhältlich ist sie in Frauenbuchläden (z.B. bei Irène Candinas in Bern) oder im normalen Buchhandel.


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